blogage.de > david_ssweden > Ein Semester in Uppsala
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Ihr werdet es wahrscheinlich schon an der Überschrift gemerkt haben: dieser Eintrag wird vermutlich der letzte sein, der sich mit meinem Aufenthalt in Schweden beschäftigt – in einer knappen Woche werde ich ‚laut Plan’ wieder in Deutschland anzutreffen sein. Doch bevor ich euch mit dieser Nachricht die Vorfreude auf diesen Eintrag verderbe, fange ich lieber an zu berichten…

Zunächst einmal: wenn ihr meinen Erlebnissen in Lappland, die ich auch bald unter diesem Titel in Buchform publizieren werde (…) nicht glaubt, könnt ihr Zeugen haben: ich war nicht der einzige Reisende. Zusammen mit vier Heidelberger Kommilitonen ging es am ersten Januar im Nachtzug nach Abisko im Nord(west)en Schwedens (oder ‚links oben’, wenn ihr eine präzise Beschreibung bevorzugt…) – Entfernung: ca. 1200 km, Reisezeit: 17 Stunden. Eine recht angenehme Art zu reisen, sofern man keinen zu engen Terminkalender hat: denn auch wenn die schwedische Bahn normalerweise schon recht pünktlich ist, kann es auf so einer Strecke schon zu etwas Verspätung kommen. In unserem Fall summierte sie sich auf eineinhalb Stunden, in manchen Fällen soll sie aber noch extremer sein. Wobei der Hauptgrund für die Verspätung auf unserer Fahrt die Wartezeiten auf andere Züge und nicht Schnee oder ähnliches war. Denn Lappland (speziell Kiruna) ‚lebt’ vom Eisenabbau; das ‚Erz’ wird per Bahn an die Häfen in Narvik (Norwegen, aufgrund des Golfstroms eisfrei) und Luleå befördert; und die Eisenbahnstrecke ist nicht immer zweispurig…
Die Landschaft um Abisko jedenfalls kann sich sehen lassen – nicht umsonst gilt die Bahnstrecke der Erzbahn dort als eine der schönsten Strecken Schwedens. Um den riesigen Sees ‚Torneträsk’ herum gibt es sehr viele Berge, unter anderem das ‚bekannte’ Trogtal ‚Lapporten’ (Lappenpforte), das ihr unten sehen könnt. Eine beeindruckende, wenig bevölkerte Landschaft.
Ein weiteres Erlebnis lässt sich auch noch berichten. An unserem ersten Abend in Abisko saßen wir um den im Hauptgebäude unserer Unterkunft ausgeliehenen Bildband herum, um uns einen Eindruck von der Landschaft in unserer Nähe zu verschaffen, die schon seit einigen Stunden in der Dunkelheit versunken war. Als wir zu einer Fotografie des Nordlichtes kamen, wurde plötzlich der Vorschlag laut, doch einmal selbst aus dem Fenster zu schauen, bevor man sich zu sehr von gemachten Fotos berieseln lässt – und siehe da, da waren sie… Zugegebenermaßen erst nach einer kleinen Diskussion. Denn auch wenn die Fotos meiner Kommilitonin recht viel versprechend aussahen (ich selber habe kein Stativ und insofern nicht die Möglichkeit, ein selbst geschossenes Foto zu zeigen), war das Licht mit bloßem Auge nicht sofort eindeutig als Nordlicht zu identifizieren. Manche Farbintensität wird durch lange Belichtungszeiten bewirkt und erscheint mit bloßem Auge anders… In der nächsten Nacht jedoch waren dann die Zweifel beseitigt: bei fast unbewölktem Himmel konnten wir der Dynamik dieses Naturschauspiels zusehen – sehr beeindruckend, wenn auch dem Wunsch nach stundenlanger Betrachtung die Temperatur der Füße Einhalt gebietet…
Die nächste – und vor der Rückreise letzte – Station der Reise war die ‚Eisenstadt’ Kiruna – eine Stadt, die so sehr von ihrer Eisenerzmiene bestimmt ist, dass sie in den nächsten Jahren umgezogen werden muss, da der immer tiefer unter der Erde durchgeführte Magnetitabbau die Stabilität immer größerer Teile der Stadt gefährdet. Bürokratieprobleme mit dem Staat muss der Betreiber der Miene bei diesem Unternehmen (der Stadtrat hat noch nicht beschlossen, wo die neuen Häuser nun gebaut werden sollen) nicht rechnen: der Eigentümer der Miene ist zu 100% der Staat. Wir sind in Schweden…
In Kiruna hatten wir auch die Möglichkeit, an einem zweitägigen ‚Erlebnisausflug’ in die ‚Wildnis’ teil zu nehmen. Und es war kalt am ersten Tag. Es braucht schon ca. -30°C, damit ein ca. 0°C warmer Fluss (der aufgrund eines kleinen Wasserfalls an manchen Stellen noch fließt) an der Luft dampft (s.u.)…
Übernachtet wurde in einer Lappenhütte: einer aus Holz gebauten Hütte, die allerdings untypischerweise mit einem Backsteinkamin versehen war. Was allerdings – im Gegensatz zu einer anderen, auch mit Holz beheizten Hütte – nicht bedeutete, dass es außerordentlich warm darin gewesen wäre… In diesem Kontext kann man die Erfindung der Sauna durchaus verstehen – denn wie hat man sonst in diesen Breitengraden die Möglichkeit, einen Temperaturunterschied von ca. 90°C zu erleben?

Ich komme zum Ende. Lappland ist ein reizvolles Land, auch wenn es im Winter aufgrund seiner Temperaturen und im Sommer aufgrund seiner Mücken wohl nicht zu den begehrtesten Siedlungsräumen Europas gehört. Aber wer sich zufällig in Schweden aufhält und Spaß am Bahnfahren hat, der sollte nicht davor zurück schrecken, im Sommer (in welchem man durch die Mitternachtssonne die Möglichkeit hat, noch mehr von der Landschaft zu sehen) eine ausgedehnte Bahnfahrt in den Norden zu unternehmen.

Somit bleibt mir zum Schluss zu sagen: Danke fürs Lesen und Rückmeldung geben. Das soll nicht heißen, dass ich nicht hier oder woanders auf ähnlichem Wege mal wieder etwas von mir hören lasse; aber über Schweden selber wird es in den nächsten Monaten wohl weniger zu berichten geben. Tempus fugit...
In diesem Sinne ein herzliches 'Hej då' (Tschüss) und 'Ha det så bra' (Mach's gut)!


Die Berge um Abisko...


... die Lappenpforte auf der anderen Seite...


... der dampfende Fluss...


... und ein kleiner Eindruck von der Fahrt im Schneemobil.

Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für euch. Die Gute ist: hiermit tut sich wieder etwas auf meinem Blog: ein weiterer Eintrag. Die Schlechte: in den nächsten Tagen wird sich wohl eher wenig tun. Aber zu den Gründen in den nächsten Zeilen.

Die letzten Tage / Wochen in Uppsala waren noch einmal recht Uni-lastig. Zwei Klausuren (ok, eine davon war mündlich und sehr entspannt, die andere deutlich lernintensiver) haben noch einmal den Endspurt eingeläutet. Das Ergebnis: seit Dienstag (21.12.) ist mein Semester klausurmäßgi abgeschlossen. Vielleicht noch einmal zur Wiederholung für alle noch Studierenden: ich bin jetzt ‚durch’. Und ihr? Haha. (So hat mich zumindest mein Mitbewohner letzten Samstagmorgen begrüßt… - und ich will euch ja an solch eindeutig der schwedischen Kultur geschuldeten Erlebnissen Teil haben lassen (…)).

Da Uppsala im Vergleich zu Nordschweden nun doch noch nicht so weit vom südlichen Teil Deutschlands entfernt ist und es nach ein paar Monaten auch wieder schön ist, Familie und Verwandte zu treffen, habe ich mich am Mittwoch dann aufgemacht, um nach Frankfurt zu fliegen. Wer jetzt anfängt, breit zu grinsen, dem soll gesagt sein: ich hatte Glück. Zwar hatte sowohl das Flugzeug nach Berlin als auch der Anschluss nach Frankfurt jeweils insgesamt knapp zwei Stunden Verspätung, aber ich bin angekommen. Und, zur Ehrenrettung der Schweden: die Verspätung des Fliegers nach Berlin war der zu spät aus Deutschland kommenden Maschine geschuldet und nicht dem Flughafen Arlanda, der sich rühmt, die effektivste Schneebekämpfungsstrategie Europas zu haben (oder so ähnlich).

Im neuen Jahr werde ich mit ein paar Heidelberger Kommilitonen zunächst den Norden Schwedens ‚unsicher’ machen, bevor es dann Mitte Januar wieder ‚Hallo Deutschland’ heißt.

Aber bis ich mich wieder melde, möchte ich euch zunächst einmal ‚frohe Weihnachten’ wünschen; erholsame Weihnachtstage, Blick auf die Weihnachts- botschaft und ein gesegnetes neues Jahr.

PS: Wer wissen will, weshalb Leute gerne den Nobelpreis gewinnen, dem sei ein Blick auf den ‚Dienstwagen’ eines Nobelpreisträgers in Schweden gezeigt. (Ok, es ist kein Porsche; aber meistens sind die Preisträger sowieso aus dem ‚wilden Alter’ heraus, wenn sie den Preis gewinnen…)

Lucia…

20:27

…ist mir dieses Wochenende ziemlich häufig begegnet. Gut, ich bin vielleicht auch nicht ganz unschuldig daran, aber es lässt sich kaum anders sagen: Lucia ist in der Kultur Schwedens verankert. Wer allerdings einmal nachschaut, wer besagte heilige Lucia eigentlich ist, wird verdutzt feststellen, dass es sich bei der heiligen Lucia um eine Sizilianerin handelt, welche letztlich wegen ihres Glaubens zum Tode verurteilt wurde. Weshalb gerade eine Sizilianerin?! Doch wie so oft ist der gerade Weg in diesem Fall nicht der historische. Das Besondere an der heiligen Lucia ist nämlich, dass ihr Todestag nach kirchlicher Tradition gerade am 13. Dezember gefeiert wird – ein Datum, auf das vor der gregorianischen Kalenderreform die Wintersonnwende fiel; will heißen: der 13. Dezember war damals ‚der dunkelste Tag des Jahres’. Und aus diesem Grund gab es in Schweden (wo sicherlich aus geographischen Gründen die Sonnwenden ja besonders gefeiert werden, man denke nur an Mittsommer) schon sehr früh an diesem Datum einen mit einer heidnischen Lichtgöttin verbundenen Brauch. Dieser wiederum wurde im Zuge der Christianisierung in den Weihnachtskontext umgedeutet, in welchem er heutzutage gefeiert wird. Und so gehört es zur weiblichen Sozialisierung in Schweden, einmal Lucia gewesen sein zu wollen (und u.U. danach die Haare voller Wachs zu haben) …

Auch das Studentenleben fühlt sich der Luciatradition verpflichtet: so gehört das Luciagasque (‚gasque’ siehe unten) sicher zu einer der ‚besondereren’ Gasques im Wintersemester. ‚Besonders’ im Sinne der Wahrnehmung: denn die Hauptbestandteile von Essen, Trinken, Reden (im doppelten Sinne der Großschreibung) geben dem Ganzen einen recht ‚festen’ Rahmen. Und ‚besonders’ natürlich schon allein deswegen, weil ich darüber schreibe (…). Was mich allerdings beeindruckt hat, ist, dass neben ‚üblicher’ Kleinkunst, offiziellen Reden und Chorbeiträgen auch kurz die Gründe für die Luciatradition erläutert wurden sowie die Frage, weshalb man (als Student) an solchen Traditionen festhält, zumindest kurz angerissen wurde. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Besonderheit von Nationen (die es außer in Uppsala in Schweden nur noch in Lund gibt) auch darin liegt, dass man hier solche Fragen stellen kann, ohne von einer politischen Richtung zu kommen oder in eine politische Richtung zu wollen: denn aufgrund ihrer lokalen Wurzeln und Vielfalt der Studierenden sind ‚Politik’ und ‚Nationen’ durchaus zwei getrennte Stiefel.

Doch damit auch ihr eine kleine Vorstellung davon bekommen könnt, was es mit dem Luciabrauch so auf sich hat, könnt ihr auf dem Foto unten den Auftritt des Nationschores bei der Gasque betrachten (mit einer, ähäm, deutschen Lucia: die vielen Austauschstudenten in Uppsala schlagen sich nämlich auch auf den Anteil von Chormitglieder etc. nieder…)

Was…

22:48

…ist klein, rechteckig und macht einen steifen Nacken? Zugegeben, diese Frage ist nicht die einfachste. Vielleicht sollte ich besser fragen, was weiß ist, rote Streifen hat und fliegen kann. Aber da Möwen mit Krampfadern nur begrenzt etwas mit meiner ursprünglichen Frage zu tun haben, löse ich sie lieber auf: eine Fähre. Das zumindest war mein Eindruck letzten Samstagmorgen, als ich nach einer ‚erquicklichen’ Nacht in der Kabine über der ‚Schiffsdisco’ aufgewacht bin. Was ich dort verloren hatte? Vielleicht sollte ich doch von vorne beginnen…
Letztes Wochenende war die Zeit für meinen ersten (und vor Weihnachten wohl auch letzten) größeren Ausflug gekommen: Tallinn. Ein paar Bekannte (deutsche Austauschstudenten…) hatten das Ganze schon vor einer Weile ins Auge gefasst; und da ich ehrlich gesagt nicht wirklich ein begeisterter Reiseplaner bin, habe ich einfach die Gelegenheit ergriffen und mich ihnen angeschlossen… Da wir alle keine begeisterten Eiswasserschwimmer sind, fanden wir es recht klug, die Reise mit der Fähre zu beginnen, welche dann am Freitagabend von Stockholm gestartet ist. Auf ihr haben wir die erste Nacht (ca. 15 Stunden Überfahrt), die mir allerdings - wie oben vielleicht zwischen den Zeilen angedeutet (…) - in mäßiger Erinnerung ist, verbracht. Glücklicherweise war diese Nacht auch einmalig. Bei unserer Ankunft in Tallinn (die euch seit den ersten Zeilen nach einem Besuch bei Wikipedia sicher auch als Hauptstadt von Estland bekannt ist) war uns klar, dass auch dort der Winter angekommen ist: gut 20 cm Schnee warteten sehnlichst darauf, sich an unsere Schuhe zu heften…
Tallinn selber (übrigens 2011 Europäische Kulturhauptstadt) besitzt eine sehr schöne Altstadt mit Stadtmauer, Kirchen etc. - aber das wisst ihr ja schon ;-). Lohnend ist sie in jedem Fall – auch wenn wir unsere Erkundungsspaziergänge spätestens nach zwei Stunden in einem Café / Museum etc. enden lassen mussten, wenn wir mit unseren Händen / Füßen befreundet bleiben wollten.
Zurück ging es dann am Sonntagabend, was hoffentlich auch als Ausrede für meinen fehlenden Blogeintrag genügt… Zudem neigt sich mittlerweile das Semester hier langsam seinem Ende zu, so dass auch von dieser Seite etwas mit meiner literarischen Produktivität konkurriert (so viele ‚Reports’ wie in diesem Semester habe ich - ausgenommen Laborberichte - schätzungsweise in meinem ganzen Studium noch nicht geschrieben…).
Was mich allerdings nicht davon abhalten soll, stolz damit zu ‚prahlen’, dass ich mittlerweile wahrscheinlich das erste Mal in meinem Leben bei -19°C in die Uni gefahren bin... der schwedische Winter ist da. Wenn auch im Moment wieder deutlich gemäßigt. Aber er reicht, um genügend Schnee bereitzustellen, welcher wiederum das häufige Dunkel etwas erhellt. Zum Advent (wie man ihn gewöhnlicherweise assoziiert) passt es jedenfalls.
Um euch bis zum nächsten Eintrag zu vertrösten, sei mir erlaubt, mich zweier Fotos zu bedienen - denn 'das Auge isst mit', wie man bekanntlich weiß. Und nicht wenige Zeitungen haben wohl davon profitiert, dass Bilder oft sowohl einfacher zu bekommen sind als auch mehr Eindruck machen als Texte...

Die Alexander-Newski-Kathedrale in Tallinn...


... und ein 'Winterbaum' auf meinem Weg zum Supermarkt.

Alles neu

14:50

macht der November. So war es doch, oder? Hier jedenfalls stimmt das Sprichwort: der November hat einen alten Hut neu gemacht (s.u. …). Letzten Dienstag hat es geschneit. Den ganzen Tag lang ist in kleinen Flocken herrlicher Pulverschnee vom Himmel gefallen. Keine Frage, dass die erste Aktion nach dem Sprachkurs am Abend eine Schneeballschlacht im ca. 10 cm tiefen Schnee war… Am Tag darauf habe ich auch schon einen kleinen Jungen auf Skiern am Haus vorbeilaufen sehen – herrlich. Ich selber bleibe jedoch meinem Studiengang treu und ziehe es vor, physikalische Experimente mit dünnen Reifen auf gefrorenem Untergrund vorzunehmen…
Bevor nun jedoch ein falsches Bild aufkommt: der Schnee hat sich leider auch hier nicht lange gehalten. Da die Temperaturen die letzten Tage über dem Gefrierpunkt lagen, sind mittlerweile nur noch dort weiße Flecken zu sehen, wo eine größere Menge Schnee gelegen hat. Und ok, der Junge war der einzige, dem ich auf Skiern begegnet bin – der Rest fährt Fahrrad oder Bus.

Wenn ich allerdings schon einmal die Physik erwähnt habe, sei mir eine kleine Bemerkung über den schwedischen Nationalstolz erlaubt: wie ihr bekanntlich wisst – oder beim ersten Auftreten des Namens natürlich nachgeschaut habt ;-) – ist Anders Jonas Ångström (nach welchem das Gebäude benannt ist, in welchem ich studiere) ein schwedischer Physiker. Nicht, dass die Benennung des Gebäudes nach ihm merkwürdig wäre (Ångström hat in Uppsala gearbeitet) – das kenne ich auch aus Heidelberg nur zu gut; nein, das eigentlich Interessante ist die Tatsache, dass hier sämtliche nur mögliche Größen in Ångström (= 10^{-10}m) angeben werden. So werden gewöhnliche Lichtwellenlängen in Å angegeben, auch wenn man deswegen eine bedeutungslose Zehnerpotenz mehr schreiben muss – und das bei Physikern, die ja sowieso gerne die Lichtgeschwindigkeit etc. gleich 1 setzen, um weniger schreiben zu müssen…! Abgesehen davon sind in der umfangreichen ‚physikalischen Formelsammlung’, die hier zur Mindestausstattung der Physikstudenten gehört, die Entdecker von Elementen des Periodensystems mit schwedischer Nationalität fett gedruckt… jaja, man möchte seine wissenschaftliche Bedeutung schon gewürdigt wissen.

Um jedoch bei interessanten Fakten zu bleiben: letztes Wochenende habe ich mir einen kleinen Ausflug ins Ausland erlaubt und bin mit der Fähre ca. zwei Stunden nach Finnland gefahren. Halt, ruft da der aufmerksame Erdkundeschüler, braucht man da nicht viel länger dafür? Worauf ich einen für mich nicht ungewöhnlichen Allgemeinplatz vom Stapel lassen muss: ‚Das kommt darauf an…’. Fakt ist nämlich, dass die Insel Åland (ja, das å ist ein nicht ungewöhnlicher Buchstabe im Schwedischen), auch wenn sie ca. doppelt so nahe an Schweden als an Finnland liegt, seit dem 1. Weltkrieg als autonome Provinz zu Finnland gehört. Allerdings mit Sonderstatus. So ist die Insel mit knapp 28000 Einwohnern schwedischsprachig. Um ehrlich gesagt, merkt man die andere Nationalität am ehesten daran, dass auf einmal wieder der Euro die übliche Währung ist…
Die Åländer jedenfalls sind mit ihrem Sonderstatus glaube ich ganz zufrieden. So gibt es wenigstens eigene Statistik über die Insel, die sich sehen lassen kann: eine Arbeitslosigkeit von 2% ist nicht zu verachten…

Zum Schluss noch ein kleines Schmankerl: es gibt wieder Fotos (ok, zwei. Aber sonst kann ich euch ja nichts mehr zeigen, wenn ich wieder komme ;-) ). Und noch einmal muss ich leider das Bild etwas korrigieren: die Kanelbullar sind nicht nur von eigener Hand entstanden – ein Freund hat noch mitgeholfen. Alleine wäre es auch recht schwer geworden, denn in meiner Küche findet sich weder Waage noch Messbecher… zum Glück gibt es aber ja das Sprichwort: ‚zwei Küchen haben mehr als eine’.


So sieht die Sonne auf
Åland um 16.30 Uhr aus (Zeitverschiebung zu Schweden: eine Stunde nach hinten)...


... und so das schon erwähnte schwedische Backwerk.

Schatten

17:36

… kann man nur sehen, wo es Licht gibt. So spricht die Binsenweisheit. Allerdings ist diese Weisheit vielleicht gar nicht so selbstverständlich – zumindest in Schweden: der November ist nun hereingebrochen und – zumindest die letzten Tage bestätigen das – mit ihm auch vermehrt eine Wetterlage, die man hier treffend mit ‚grau’ bezeichnet. Wenn der Himmel bedeckt ist, hat man manchmal wirklich den Eindruck, er wäre grau… Die Zeitumstellung hat ihr weiteres dazu beigetragen – ab vier Uhr ist es nun schon dunkel…
Wenn ich nun ein Literat wäre, würde ich diesen ersten Sätzen wohl eine Klimax wie „ich habe keine Vorstellungskraft, kein Gefühl an der Natur, und die Bücher ekeln mich an“ folgen lassen (Preisfrage: woher stammt das Zitat? ;-) ), aber da ich ja doch etwas bodenständigeres studiere (…), möchte ich es als reine Einleitung verwenden. Denn Uppsala ist auf die Dunkelheit vorbereitet. Vom 30. Oktober bis 28. November findet – organisiert von der Kommune – in Uppsala ‚Allt ljus på Uppsala’, ein Beleuchtungsarrangement, statt. Auf einer Rundroute quer durch die Stadt sind verschiedene Gebäude ‚licht’ in Szene gesetzt – sei es durch wechselnde farbige Beleuchtung, Lampions oder eine kleine Lichtanimationsshow. So wird z.B. die Schlossfassade in einer sehr unterhaltenden Projektion mit verschiedenen Baustilen verziert, Schauplatz einer kurzen Pac-Man Animation (wem das etwas sagt) und mit Blumen überrankt. Eine (zugegeben wohl etwas teure) Möglichkeit, einen realistischen Eindruck vom Entwurf eines Malers zu bekommen… aber definitiv unterhaltsam für die Nachbarn. Besonders gelungen finde ich die Idee, ein paar Straßenlaternen auf dem Weg hoch zum ‚Schloss’ mit Licht- und Soundeffekten auszustatten: für einen unbedarften Spaziergänger mag es etwas befremdlich wirken, wenn die Straßenlaterne plötzlich anfängt mit sich selbst zu streiten und dabei auch noch ihre Farbe wechselt, aber ein Eingeweihter hat seinen Spaß daran…

Als Student hat man allerdings meist allerdings sowieso wichtigere Dinge zu tun, als sich über das Wetter zu ärgern: zum Beispiel Klausuren schreiben. Die Universität Uppsala besitzt dazu seit Neustem ein (per ‚Dekret’ verordnetes) anonymisiertes Verfahren: anstelle seines Namens (bzw. Personennummer) schreibt man eine durch ein Onlinesystem zugewiesene Nummer (!) auf den Klausurbogen. Damit soll verhindert werden, dass der Prof bei seiner Korrektur vom Wissen um die Person beeinflusst wird (es gibt wirklich Kurse, in welchen so wenige Studenten sitzen, dass der Prof etwas mit Namen anfangen kann!). Anscheinend hat man allerdings noch keine Möglichkeit gefunden, die Handschrift auf ein gleichermaßen leserliches Niveau zu bringen – aber ich schweife ab… Doch auch in Schweden werden solche Systeme von Menschen programmiert: nicht jeder Name findet sich auf der Nummernliste, und so müssen manche Studenten ‚bloßgestellt’ ihre Klausur schreiben…
An dieser Stelle sei mir ein kleiner Seitenhieb erlaubt, der mit einem zentralen Thema jeden Tages zu tun hat. So ist eine Besonderheit des Ånströmlaboratoriets, in welchem die Physiker studieren, dass es ein einzigartiges System in Form einer Mikrowellen-Essensbox-Warteschlange besitzt. Denn der Stau um die Mittagszeit, den ich bisher normalerweise aus der Mensa kenne, verlagert sich hier natürlich auf die Mikrowellen. Und um das unstrukturierte Anstehen zu optimieren, gibt es eine Essensbox-Warteschlange, welche die Einhaltung der gerechten Reihenfolge der zu erwärmenden Mahlzeiten gewährleistet. Ich vermute fast, dass diese Erfindung das Resultat einer (linken) Studentenbewegung war, die gegen die starren gesellschaftlichen Regeln bezüglich personalisierter Warteschlangen protestiert haben (…)…
Eine kleine Nebenbemerkung zum Schluss: so wie ich oben absichtlich nicht erwähnte, dass in obigem Gebäude auch Chemiker, Mathematiker, Techniker etc. studieren, werde ich auch verschweigen, dass ich zum Essen auch schon in das Gebäude der Informatiker gegangen bin, wo es zwar kein System, aber kürzere Warteschlangen gibt… es gibt Situationen, da muss man unbequeme Entscheidungen treffen… ;-)

Gasque

12:23

Am Freitagabend war es soweit: ich habe meine erste Gasque besucht. Zugegeben, die ‚International Gasque’, d.h. eine vielleicht nicht in jedem Detail typische, aber immerhin. Zumindest von der Größe her war sie jedenfalls außerordentlich – ca. 400 Personen waren an vierzehn Tischen versammelt…
Falls ihr euch nun wundert, was eine ‚Gasque’ eigentlich ist: eine ‚Gasque’/’Gask’ ist eine schwedische ‚Studentenparty’, die – hier in Uppsala – immer auch mit einem mehr oder weniger formellen Abendessen verbunden ist. Formell bedeutet, dass es für jede Gasque eine Kleiderordnung gibt – in diesem Fall z.B. Hemd, Krawatte und dunkles Jackett für Männer, für Frauen ein knielanges ‚Kleid’ (mit genauen Definitionen auf weiblicher Seite bin ich überfragt…). Was sich auf den ersten Blick vielleicht etwas ungewöhnlich anhört (ich liebe Katachresen, auch wenn ich dieses Wort erst nachschlagen musste) ist es hier Bestandteil des Studentenlebens: eine schwedische Studentin hat mir erzählt, dass sie für ihr Auslandssemester in Deutschland extra ein langes Kleid eingepackt hat und dann verwundert war, dass sie es nicht wirklich verwenden konnte…
Formell bedeutet auch, dass das Essen (drei Gänge) ‚etwas’ über dem Mensaniveau liegt: ich kann ab jetzt stolz von mir behaupten, Elch gegessen zu haben. Zugegeben, das Essen war nicht mehr außerordentlich warm, als es auf den Tisch kam; aber bei der Menge an Leuten ist es schon fast eine logistische Meisterleistung, dass überhaupt etwas Gutes auf den Tisch kam. Wobei ich hier erwähnen muss, dass – sollte sich das Ganze (vielleicht nicht völlig unbegründet) etwas luxuriös anhören – die Bestandteile des Abends (von Dekoration über Küche hin zur Bedienung) von Studenten geleistet wurden.

Neben den paar ‚Reden’, in welchen Mitglieder diverser Studentenkomitees (darunter auch der ‚Präsident der vereinten Nationen’ – man beachte die Groß- und Kleinschreibung!) ihre Arbeit vorgestellt bzw. Erwachsenenbildung betrieben haben („Schweden sind lustig und spontan“), hatten wir auch die Ehre, den Männerchor der ‚Västgöta Nation’ in unserer Mitte begrüßen zu dürfen. In typischer Studententracht (Studentenmütze, Anzugsmode aus dem 19. Jh.) gekleidet wurde uns ein buntes, qualitativ hochwertiges Programm geboten.
Ja, die Art von Tradition, die es in Deutschland wohl seit den ’68ern nicht mehr gibt, existiert hier noch. Eingeschlossen natürlich auch die Tradition des Zuprostens, das in vorgeschriebener Reihenfolge (für die Männer erst nach rechts, links,
geradeaus und nach dem Trinken/Nippen in umgekehrter Reihenfolge zurück – selbstverständlich ohne Anstoßen) vonstatten geht und das Singen diverser (Trink-)Lieder, die von einem ‚Toastmaster’ angestimmt werden, mit einschließt. Und da dieses Gasque von vielen internationalen Studierenden besucht wurde, gab es auch nicht-schwedische Lieder. Eines von ihnen (das heute immer noch gerne – in schwedischer Übersetzung – gesungen wird) ist deutschen Ursprungs und eines Zitats wert:

„O alte Burschenherrlichkeit,
Wohin bist du entschwunden,
Nie kehrst du wieder goldne Zeit,

So froh und ungebunden!“

Wer da an die schöne Zeit in der Studentenverbindung denken muss, der vergisst, dass nicht jedes Land deutsche Geschichte hat…

Wenn wir jedoch schon bei studentischen Traditionen im Vergleich sind: ich vermisse hier den deutschen Brauch, nach der Vorlesung „zu klopfen“ (und damit dem Dozenten so etwas wie ‚Danke’ zu sagen). Was mich zu dem Schluss kommen lässt, dass es auch in Deutschland noch/wieder eine milde Form von studentischen Traditionen gibt ()...
Doch da ich schätze, dass es nun an der Zeit ist, diese Eintrag abzuschließen, möchte ich noch eine kleine Entschuldigung nachschieben: obwohl ich an dem Abend körperlich anwesend war, habe ich doch etwas um nicht zu sagen noch Wichtigeres (…) vergessen: meine Kamera. Dem geneigten Leser wird es jedoch schätzungsweise nicht schwer fallen, Bilder von ähnlichen Veranstaltungen im Web aufzutreiben…
und noch etwas: um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob es 'ein Gasque' oder 'eine Gasque' heißt - was daran liegen wird, dass es dieses Wort im Deutschen nicht gibt. Und schon fühlt man sich als sprachlicher Pionier im Fremdwortland...

Zugegeben, es ist mittlerweile ein alter Hut. Ich werde mir etwas anderes einfallen lassen als plakative Überschriften, um euch zu ködern. Aber ganz erfunden ist es ja nicht – ich habe vor ein paar Tagen wirklich ein paar Jugendliche im Schnee spielen sehen. Ok, der Schnee war auf eine Fläche von vielleicht 4 sqm konzentriert, aber immerhin – ich bin es nicht gewohnt, so etwas im Oktober zu sehen. Auch nicht, dass in dem Stadion nebenan Leute im Freien Eishockey spielen. Aber man bereitet sich schon vor – genau so wie die Leute, die mit Stöcken und etwas zu lang geratenen Rollschuhen schon Langlauf üben. Nicht, dass es schon geschneit hätte – die Temperaturen fallen bisher auch nur nachts unter den Gefrierpunkt – aber es scheint möglich zu sein, im Freien (sicherlich unterstützt von einem Kühlsystem) eine Eisfläche einrichten zu können. Und im abfallenden Schnee spielen Jugendliche…

Jedenfalls Anlass genug, um sich in ein geheiztes Kämmerchen zu begeben, einen Kaffe zu trinken und eine Kanelbulle („Zimtschnecke“ / „Zimtwecken“) zu essen. Diese besitzt seit 1999 sogar einen eigenen („Feier“-)Tag: den 4. Oktober. Ehre, wem Ehre gebührt. Wieso gibt es eigentlich keinen Brezeltag (oder gibt es ihn?!)? 365 Tage sind definitiv zu wenig, um sämtlicher bedeutsamer Institutionen zu gedenken (…). Wenn wir aber schon beim Essen sind: mir ist aufgefallen, dass sich zumindest mein Kochverhalten meist in einem einfachen Satz beschreiben lässt: „Es begann mit einer Zwiebel…“. Ein Glück, dass ich kein Märchenerzähler werde.

Ansonsten merke ich, dass das Ende des ersten Semesterabschnittes einsetzt: die Uni wird doch etwas stressiger. Oder sollte ich sagen: sie wird normal? Das ist wohl Gewohnheitssache - und man gewöhnt sich doch schnell an manche Annehmlichkeiten. Vielleicht ist es aber auch gut, wenn ich die nächste Zeit beschäftigt bin - im November findet eine 'Nordic Darkness School' an der Universität statt. Nicht, dass es dort um Dunkelheit gehen würde - vielmehr werden Funknetzwerke u.ä. thematisiert - aber die Konferenz findet im November statt...

Bevor ich mich nun bis auf weiteres das Wort an mich reiße, möchte ich mich herzlich für eure Lebenszeichen bedanken. Es ist schön von euch zu hören, wenn ich mal eine Weile nichts von mir selber hören lasse. Wobei die Ursachen meiner Schweigsamkeit nicht unbedingt (wie manch braver Leser vielleicht meinen könnte) im (von der Nähe des Ortes der Verleihung einer äußerst symbolträchtigen Auszeichnung belebten) Studieneifer begründet liegen, sondern vielmehr durchaus lebendige Züge tragen. Ich war doch etwas überrascht, als ich vorletzten Freitag die Wohnungstür geöffnet habe und Daniel, ein Hausgenosse vom AMH (dem Wohnheim meiner Heidelberger Zeit I – wieso einen kleinen Auslandsaufenthalt nicht dazu nutzen, mein Leben in Epochen einzuteilen? ...) davor stand. Um sowohl Erzählzeit zu sparen (hier spricht der Schwabe) als auch Verwirrung zu vermeiden, erspare ich euch nähere Details (oder sollte ich etwa erzählen, dass er gerade seine Freundin besucht hat, welche im gleichen Wohnheim wohnt wie ich – und diese Aussage lässt sich sogar ein Jahr in die Vergangenheit nach Heidelberg erstrecken – und über die ich erst an dieses Wohnheimszimmer gekommen bin...?); Grund genug jedenfalls, um gemeinsam mit seiner Freundin Katarina, einem Kommilitonen (auch schon seit HD) und später noch einer Bekannten aus dem Schwedischsprachkurs in HD, die jetzt in Stockholm studiert, Uppsala zu besichtigen. Bitte nicht verzweifeln. Wenn ihr von den vorigen Zeilen mitgenommen habt, dass ich letztes Woe bekannte Leute aus HD getroffen habe, habt ihr das Wesentliche verstanden. Um nun im Stil einer Erörterung die Stärke der Argumente für meine Schweigsamkeit zu erhöhen, erzähle ich euch nun, dass meine Eltern letzte Woche zu Besuch waren. Und nein, ich habe ihnen keine Wäsche mitgegeben – eher im Gegenteil. Aber das tut nichts zur Sache. Nachdem sie die ersten Tage dazu genutzt haben, um das schöne Städtchen Uppsala kennen zu lernen, haben wir das Wochenende darauf verwendet, Stockholm etwas genauer in Augenschein zu nehmen. Das war schön – nicht nur, weil wir bei herrlichem Herbstwetter lohnende Sehenswürdigkeiten wie das Vasamuseum oder Skansen, ein Freilichtmuseum, besichtigen konnten; sondern auch, weil es schön war, das zusammen zu tun und ich im Gegensatz zu der Zeit in Uppsala (mental) von der Uni her im Wochenende war und notwendige Anschaffungen (der berühmte Punkt auf der To-Do-Liste) getan waren.

Nachdem ich nun mitbekommen habe, dass sich manche Leute besorgt die Frage stellen, ob die Vorlesungen in Uppsala denn auf HEIDELBERGER Niveau (…) sind, möchte ich nach einer deutlichen Distanzierung von solch gehässigen Fragen doch noch ein paar Worte hierzu verlieren. Wenn ihr euch jetzt wundert, dass ich zum Studieren nach Uppsala gegangen bin, könnt ihr ruhig im nächsten Absatz weiter lesen. Zunächst einmal kann ich nur ein paar betont subjektive Betrachtungen machen, da ich im Moment nur zwei Vorlesungen besuche (dies bringt die hier übliche Unterteilung des Semesters in zwei Abschnitte mit sich). Davon ist die eine ziemlich gut, da durchdacht und mit sinnvollen Übungen begleitet (auch wenn es keine Physikvorlesung ist: ‚scientific computing’, numerische Methoden zur computerbasierten Lösung wissensch. Probleme), die andere bisher ziemlich unübersichtlich und von Übungen begleitet, die manchmal den Anschein tragen, sie seien ‚spontan’ aus dem Material früherer Übungen zusammengestellt. Dass es in der Vorlesung um Gruppentheorie geht und tlw. auch um Festkörperphysik, die ich noch nicht gehört habe, macht das Ganze nicht viel erhellender. Insofern: die Uni besteht wie überall sonst auch aus Menschen, die zu mehr oder weniger großen Teilen ‚auch nur Menschen’ sind. Bemerkenswert ist höchstens, dass die Anzahl der Studenten pro Vorlesung deutlich geringer ist als in HD (man könnte durchaus in der Schule sein…) und es in Uppsala deutlich mehr (besser gesagt: überhaupt) Möglichkeiten gibt, Theorie in Bezug auf die Praxis zu lernen: es gibt eine ‚technische Fakultät’ in der Physik. Wie viel ich damit in Kontakt kommen werde, weiß ich nicht: non officio, sed vitae discimus (…).

Fest steht auf jeden Fall, dass auch die Polizei gerne in Uppsala studiert. So hatte man am 7. Oktober auf jeden Fall den Eindruck, als ein Polizeiaufgebot unbekannter Größe anfing, einen Vorlesungssaal der Universität zu bevölkern. Der Grund dafür war, wie wir später erfuhren, dass der Künstler Lars Vilks eine im Mai begonnene Vorlesung zu Ende führte, die er damals nach einem Angriff aus dem Publikum vorzeitig beenden musste. Der Hintergrund davon sind Mohammedzeichnungen (nicht zu verwechseln mit DEN Mohammedkarrikaturen von Kurt Westergaard), die Vilks 2007 anlässlich der Ausstellung „Der Hund in der Kunst“ verfasste. Auch wenn ich an dieser Stelle nicht anfangen möchte, die Freiheit und Grenzen von Kunst zu diskutieren, möchte ich doch erwähnen, dass ich schmunzeln musste, als ich gelesen habe, dass dies der größte Polizeieinsatz in Uppsala seit dem Besuch von Papst Johannes Paulus II 1989 gewesen ist. Welch kuriose Parallele…

Zuletzt möchte ich noch ein Erlebnis mit euch teilen, dass ich keinesfalls für ‚die Schweden’ verallgemeinern möchte, da mir dazu definitiv die Erfahrung fehlt; das ich aber so bemerkenswert finde, dass ich es euch berichten möchte. Als ich vor kurzem abends im Zug von Stockholm nach Uppsala fuhr und mich an einem 4er Tisch niedergelassen hatte, wurden die Leute am Nebentisch von einem wohl etwas angetrunkenen jungen Mann angesprochen, der sich unangemessen stark mokierte als er erfuhr, dass der leer scheinende Sitz einen gerade in Richtung Toilette verschwundenen ‚Besitzer’ hatte. Die Reaktion wurde mit einem kollektiven unverständigen Kopfschütteln quittiert; nachdem der Junge dann doch noch einen Platz gefunden hatte und dort bald darauf eingenickt war, zog ihm an der Endstation der neben ihm sitzende Jugendliche die Ohrstöpsel aus dem Ohr und gab ihm freundlich zu verstehen, dass der Zug sein Ziel erreicht habe. Auch wenn das vielleicht kein spektakuläres Erlebnis ist, hat es mich ins Nachdenken darüber gebracht, was es wohl für einen Unterschied machen würde, wenn wir uns gerade in Situationen wie Zug-, Busfahrten etc. nicht als ‚unglücklicherweise komprimierte Individuen’ verstehen würden, sondern als ‚temporäre Gemeinschaft gemeinsam …fahrender’.

Doch damit genug für heute. Seid herzlich aus einem herbstlichen Uppsala gegrüßt.

Na, habe ich es geschafft? Euch neugierig gemacht durch den Titel dieses Eintrags? Ja? Dann kann ich ja diese Aufmerksamkeit nutzen, um etwas Langweiliges über Politik zu schreiben – wenn ihr schon vor dem Computer sitzt und diese Seite aufgerufen habt. Auch nur ganz kurz. Versprochen.
Also: die Schweden haben gewählt – und müssen nun mit dem Ergebnis klar kommen. Die rechten ‚Sverigedemokraterna’ (SD) sind mit 5,7% über der 4%-Hürde und somit erstmals in den schwedischen Riksdag eingezogen – hauptsächlich gewählt im Süden Schwedens. Die Sozialdemokraten haben das schlechteste Ergebnis seit 96 Jahren eingefahren und verbleiben mit den Grünen – voraussichtlich – in Opposition. Die bürgerliche ‚Allianz’ (Bündnis aus vier Parteien) war zwar erfolgreich, besitzt aber durch den Einzug der SD keine absolute Mehrheit im Parlament. Wenn sich keine Gespräche mit den Grünen führen lassen, wird es wahrscheinlich eine Minderheitsregierung. Nicht, dass es den Schweden egal wäre – eine Wahlbeteiligung über 80% spricht eine andere Sprache – aber es wird wohl nicht mehr so homogen gewählt. Waren das noch Zeiten (vor 2006), als Schweden zu Recht ein Hort der Sozialdemokratie heißen konnte! Es scheint mir, dass eine neue Generation heranwächst – eine ungebildete Generation. Eine Generation, die in ihrer Kindheit nicht mehr ‚Bamse – världens starkaste och snällaste björn’ (‚der stärkste und netteste Bär der Welt’) gelesen hat. Diese Cartoon-Serie – schwedische Fabrikation – hatte nämlich auch einen erzieherischen Anspruch: nicht nur, dass die Kinder bei der Lektüre lernen, dass man sich im Arbeitsamt hintern an der Schlange (Schwedenkenner merken auf: Schlange) anstellt. Nein, man lernt auch, dass der Bösewicht, der besagtem Bären das Leben schwer macht, ein durchtriebener Kapitalist (Krösus) ist; dass man nett zu anderen (auch den bösen) sein soll und dass Bamses Freund, die Schildkröte, mit ihrem Spruch ‚ich glaube nur, was ich weiß’ oft zum Schluss ganz klug da steht. (Vielleicht zur Sicherheit in Klammern: die Serie verdankt ihre Aussage wohl eher der Überzeugung des Autors als strategischen Absichten.). Es rächt sich eben, wenn man literarisches Erbe mit Füßen tritt. Wie sähen die Manieren in Deutschland aus, wenn der Struwwelpeter heute noch gelesen würde (…). Obwohl ich der Fairness halber hinzufügen muss, dass es immer noch Zahnpastatuben mit Bamsemotiven etc. gibt – auch wenn das vielleicht nicht die klügste Marketingstrategie ist: Hygieneartikel wecken nicht immer die besten Assoziationen...

Wer mich besuchen kommen möchte, kann dies allerdings auch ohne Umweg über Stockholm tun – Uppsala besitzt einen eigenen Flugplatz. Es könnte allerdings nötig sein, vor dem Flug für kurze Zeit in grüne Klamotten zu schlüpfen – der Flughafen trägt in seiner näheren Bestimmung leider das Wörtchen ‚Militär’. Ich hätte mir das Ganze ja vielleicht überlegt, wenn ich es vorher gewusst hätte – aber ich habe es leider erst heute festgestellt, als ich mehrmals vergeblich versucht habe, eine „Smultronställe“ mit dem Fahrrad auf einem anderen Weg als eine Art Bundesstraße zu erreichen – und immer wieder auf einen Zaun gestoßen bin…
(Smultronställe: zu dt. etwa ‚Walderdbeerenstelle’. Eine Bezeichnung für ausgezeichnete, meist etwas abgelegene Orte – oft in der Natur –, die als schön empfunden werden. Auf Deutsch würde man vielleicht ‚Geheimtipp’ sagen, nur machen die Schweden publik, was sie als schöne Plätzchen empfinden – aber bei 20,74 Einwohner pro km^2 ist das auch nicht tragisch.)

PS: Wer sich übrigens nach der Lektüre meiner bisherigen Blogeinträge fragt, ob es gerechtfertigt ist, dass sich ein unbedarfter Student von Beginn seines Schwedenaufenthaltes als Kenner der schwedischen Seele ausgibt, der sei freundlich darauf verwiesen, dass auf diese Art wohl nicht wenig Literatur (nein, das ist keine Anspielung!) entstanden ist. Und wer möchte diese denn schon missen…

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